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„So viele Nähereien gibt es nicht mehr in Deutschland.“

„So viele Nähereien gibt es nicht mehr in Deutschland.“

Walburga Rosien
58 Jahre alt, arbeitet als Näherin bei Ibena in Bocholt.

Über ihre Arbeit:
„Wir sind eine Konfektionsnäherei, und ich nähe Decken. An dieser Maschine werden die Decken an den Rändern mit einem Band umfasst. Zwei von uns führen die Decke in die Maschine ein, am anderen Ende der Maschine prüfen die Kolleginnen die Qualität: Sie schauen, dass das Band gut vernäht ist, sortieren Decken mit Fehlern aus und falten die Decken. In der Stunde machen wir so 250 Decken.“

Was sich geändert hat:
„Man könnte meinen: Eine Decke ist eine Decke, damit kannst du dich zudecken. Aber nein: Decken sind längst auch Mode worden. Wir arbeiten für viele Markenhersteller wie Bugatti und S. Oliver oder für Guido Maria Kretschmer, und jeder Kunde möchte heute sein eigenes Etikett haben. Mittlerweile gibt es sogar welche aus Leder. Für uns ist dieser Trend natürlich auch gut. So viele Nähereien gibt es nicht mehr in Deutschland, und wir haben auch schon schwere Jahre erlebt. Früher waren wir mal 60 Leute in der Näherei, dann sind wir herunter auf 20, mittlerweile sind wir wieder rund 40. Derzeit läuft es sehr gut, im vergangenen Jahr haben wir eine halbe Million Decken produziert, das war Rekord. Über die Jahre ist der Zeitdruck in der Produktion größer geworden. Die Kunden wollen alles so schnell wie möglich, die Decken sollen heute genäht werden und morgen im Laden liegen.“

Was ihr Arbeit bedeutet:
„Ich bin jetzt seit 40 Jahren bei Ibena, und mir ist wichtig, dass der Zusammenhalt hier so groß ist. Wir arbeiten in unserem Team schon so lange zusammen – das ist wie Familie. Wir kennen uns und verstehen uns gut, und als ich mal krank war, haben mir die Kolleginnen ein Päckchen geschickt, da war selbstgemachte Marmelade drin, ein Rubbellos, alles Mögliche. Da habe ich gemerkt: Wenn man etwas gibt, dann bekommt man eines Tages auch etwas zurück.“

Über Gewerkschaft:
„Für mich spielt die IG Metall eine große Rolle. Ich sehe das so: Wir haben einen Tarifvertrag mit Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, aber so einen Tarifvertrag muss man sich immer wieder aufs Neue erkämpfen. Der läuft ja schließlich nach ein oder zwei Jahren aus, und dann steht eine neue Tarifrunde an. Wenn es dann Warnstreiks gibt, stehen wir zusammen, da gehen wir gemeinsam raus vors Tor. Bei uns im Betrieb sind viele Mitglied in der IG Metall, das hat uns in den Zeiten der Krise geholfen. Wir haben auch schon Erfolge feiern können und etliche Frauen aus einem 450-Euro-Job in eine feste Anstellung holen können.“

Was sie sich für die Zukunft wünscht:
Ich bin ein politischer Mensch, engagiere mit stark in der IG Metall und möchte noch etwas für unsere Frauen erreichen. Gerade junge Frauen kennen oft ihre Rechte nicht, zum Beispiel, wenn sie schwanger sind. Das glaubt man gar nicht, die machen alles mit, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Außerdem verdienen wir Frauen im Schnitt immer noch schlechter als die Männer. Aber das kriegen wir noch hin, da bin ich optimistisch. Jedenfalls kämpfen wir dafür, dass sich das ändert.

Fotos: Stephen Petrat.

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