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„Zeit für die Pflege von Angehörigen wird künftig ein großes Thema werden.“

 

„Zeit für die Pflege von Angehörigen wird künftig ein großes Thema werden.“

Sylvia Seitz
54 Jahre alt, gelernte Friseurin und Kosmetikerin, arbeitet im Einkauf bei Siteco Beleuchtungstechnik in Traunreut.

Über ihre Arbeit:
„Wir produzieren Leuchten, für innen und außen. Also zum Beispiel die Beleuchtung für Büro-Etagen oder für Einkaufszentren. Oder auch Straßenlaternen und Flutlichtleuchten für Fußballstadien. Ich arbeite hier im Großraumbüro in der zentralen Beschaffung und bin für den operativen Einkauf zuständig. Ich kaufe zum Beispiel Verpackungsmaterialien ein, also Folien oder Styropor. Oder so Sachen wie Millionen von Schrauben, Leitungen, Klemmen. Kurz: Ich sorge dafür, dass das richtige Teil in der richtigen Menge am richtigen Platz ist. Konkret bedeutet das: Ich telefoniere jeden Tag ohne Ende.“

Über ihr Berufsleben:
„Ich musste mich immer durchsetzen. Anfangs war ich fünf Jahre am Fließband. Dann bin ich Einrichterin geworden. Ich musste für 26 Leute die Linie einrichten, also Aufträge zusammenstellen, Material vorbereiten, Maschinen umbauen. Das war schon eine Riesen-Herausforderung, aber meine Vorgesetzten haben immer gesagt: Mach mal, Du schaffst das schon. So bin ich dann Vorarbeiterin in der Produktion geworden. Weibliche Vorarbeiterin, das ist hart. Da hieß es schnell: Du kleines Dirnei (bayerisch für Mädchen), was willst du überhaupt? Die wollten mich natürlich testen, ist doch klar. Da habe ich mir die Funktionsweise der Maschinen einverleibt. Wenn dann ein Kollege sagte: Die Maschine umrüsten – das dauert vier Stunden, dann habe ich nur mit dem Finger das Augenlid heruntergezogen und gesagt: Das schaffst du schon in zwei Stunden, gell? Hinterher waren wir ein richtiges Team, das war wie Familie. Ich habe mit angepackt, wenn Not am Mann war, wir haben zusammen die Maschinen geputzt.“

Über Gewerkschaft:
„Ich wurde mit 20 Jahren hier eingestellt, einen Monat später bin ich Gewerkschaftsmitglied geworden. Die Mama hat gesagt: Da trittst du ein. Damals wusste ich gar nicht, was ich tue. Aber mit 20 ist man ja brav und anständig und tut, was die Mama sagt (lacht). Heute weiß ich, wie wichtig die IG Metall ist. Und ich ärgere mich über die Trittbrettfahrer, die von den Tarifverträgen profitieren wollen, aber nicht eintreten. Da lasse ich mal einen Spruch los: Als Nicht-Mitglied hast du ja gar keinen Anspruch auf den Tarifvertrag, sage ich dann. Wenn Du uns nicht unterstützt, kannst du gleich eine Verzichtserklärung unterschreiben! Da ernte ich natürlich Gegrummel. Aber was soll’s? Weichspüler war noch nie so mein Ding. Aber prinzipiell sind die Kolleginnen und Kollegen hier kampfbereit. Wir sind hier ein Streikbetrieb, wenn gestreikt wird, gehen wir raus.“

Was in Zukunft wichtig wird:
„Pflege wird ein großes Thema werden. Ich erlebe das selbst gerade. Meine Mutter ist 78, mein Vater 77. Als meine Mutter sich die Schulter brach, habe ich sie drei Monate lang gepflegt und von ihrer Wohnung aus gearbeitet. Da haben mein Chef und der Personalleiter super mitgespielt und mir diese Möglichkeit gegeben. Das Thema Pflege will ich mir als Betriebsrätin noch vornehmen. Da möchte ich für die Kollegen etwas erreichen. Viele hier kommen jetzt in das Alter, wo die eigenen Eltern Hilfe brauchen.“

Fotos: Stephen Petrat.

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