Stahlwerk Duisburg IGM-2699-23

„Gewerkschaft ist heute wichtiger denn je.“

„Gewerkschaft ist heute wichtiger denn je.“

Patrick Weber
44 Jahre alt, Verfahrensmechaniker, arbeitet im Stahlwerk Duisburg von ThyssenKrupp Steel.

Über seine Arbeit
„Ich arbeite im sogenannten Vakuum-Leitstand. Vakuum deshalb, weil dem Stahl hier durch ein Vakuum-Verfahren Kohlenstoff entzogen wird und er so eine hohe Qualität erreicht. Bei uns kommt der kochende Stahl an, wir kontrollieren die Qualität und wir verfeinern ihn dann. Wir machen hier den teuersten Stahl im Werk – daraus werden später zum Beispiel Karrosseriebleche für Autos. Wir analysieren die Zusammensetzung des Stahls, das können wir hier bis auf die Promillestelle genau. Und dann werden dem Stahl gewisse Legierungen beigemischt. Das muss man sich vorstellen, wie in einer Restaurantküche. Da wird dann ein großer Topf Suppe gekocht, und am Ende kommt der Sternekoch, probiert und schmeißt noch eine Prise Salz nach. Ähnlich ist das bei uns. Wir mischen dann eben vier Kilogramm Legierungsmittel bei – auf eine Schmelze von 400 Tonnen Stahl ist das quasi nichts, aber eben entscheidend für die Qualität.“

Was ihn an der Arbeit reizt
„Als Stahlkocher brauchst du ein gewisses Gefühl für den Stahl. Jede Schmelze ist anders, darauf musst du reagieren, und ein guter Stahlkocher weiß instinktiv, was zu tun ist. Das macht den Reiz aus. Ich habe das immer geliebt hier, schon als Auszubildender. Die großen Anlagen, der heiße Stahl, die gewaltigen Kräne – das ganze Drumherum hier im Stahlwerk, da bin ich Feuer und Flamme. Ich war schon immer abenteuerlustig, und so ein Arbeitsplatz passt zu mir. Im Sommer wird es hier heiß, kann man sich ja vorstellen. Aber im Winter wird es auch kalt. Heiß ist es dann nur direkt am Stahl selbst, sonst sind hier hohe Hallen, da wird es ganz schön zugig.“

Über Gewerkschaft
„Ich will ein bisschen was für die Kumpels tun, deshalb bin ich auch Vertrauensmann geworden. Ich finde, Gewerkschaft ist heute wichtiger denn je. Viele Menschen haben vergessen, was die organisierte Arbeitnehmerschaft alles erreicht hat. Daran müssen wir die Leute erinnern. Ich habe mal vor Neuntklässlern in der Klasse meines Sohnes einen Vortrag über das Betriebsverfassungsgesetz gehalten. Da haben die aber alle gestaunt, von vielen Dingen hatten die noch nie gehört. Die hatten so viele Fragen, da haben wir die Stunde verlängern müssen. Am Ende dauerte das anderthalb Stunden statt 45 Minuten.“

Über Arbeitszeit
„Ich arbeite im Drei-Schicht-System, vorwärts rollierend: zwei Früh-, zwei Spät-, zwei Nachtschichten. Das ist am gesundheitsverträglichsten, weil der Körper sich durch den schnellen Wechsel erst gar nicht an einen anderen Rhythmus gewöhnt. Bei Schichtarbeit bleibt natürlich im Privatleben einiges auf der Strecke. Da kann man nicht bei jeder Familienfeier dabei sein oder den Sohn regelmäßig zum Sporttraining bringen. In Schweden, habe ich neulich gelesen, gehen sie jetzt auf den Sechs-Stunden-Tag herunter, bei vollem Lohnausgleich. Da hat sich die Krankheitsquote halbiert, und die Produktivität ist gestiegen. Das wäre doch auch was für uns, oder?“

Fotos: Jörg Grzenia.

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