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„Ich glaube, Industrie 4.0 wird überbewertet.“

„Ich glaube, Industrie 4.0 wird überbewertet.“

Olaf Wunderlich
54 Jahre alt, gelernter Elektrotechniker, arbeitet als Konstrukteur bei Faurecia in Stadthagen.

Über seine Arbeit:
„Wir bauen hier Prototypen für Autositze. Ich konstruiere die Vorrichtungen, auf denen die Prototypen montiert werden können. Ich bekomme dazu die 3D Daten des Prototyps, dann fange ich an, eine entsprechende Vorrichtung zu entwerfen. Ich arbeite mit Kollegen in einem Team, wir haben hier alle möglichen Gewerke, Mechaniker, Dreher, Fräser, Schweißer. Gemeinsam bauen wird die Vorrichtung. Es macht Spaß, zu sehen, wie so eine Vorrichtung dann entsteht.“

Über die Arbeit der Zukunft:
„Wir fangen jetzt auch mit Industrie 4.0 an. Seit ein paar Monaten stehen hier große Bildschirme in den Hallen, Touchscreens, sie messen 65 Zoll. Die Kollegen geben ihre Zahlen da ein. Zum Beispiel: Termine, Abrufe, welche Teile gebraucht werden, was produziert wurde. Der Chef kann das dann via Vernetzung auswerten. Das mag ja ein Vorteil sein und auch ganz interessant. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass Industrie 4.0 überbewertet wird. Die Investitionen, die eine totale Automatisierung kosten würde, kann sich ein Mittelständler nicht ohne weiteres leisten. Das frisst ihn auf. Das können nur die Großen, und dann auch nur, wenn sie eine neue Fabrik auf die grüne Wiese stellen, so wie z. B. Audi in Mexiko. Und dann müssen hinten die entsprechenden Stückzahlen herausspringen, damit sich die Investition lohnt. Die menschenleere Produktionshalle sehe ich noch nicht, jedenfalls nicht bei den kleinen mittelständischen Betrieben. Die Leute im Mittelstand haben eher Angst, dass der Betrieb dichtmacht oder aufgekauft wird als vor Arbeitsplatzverlust durch Industrie 4.0.“

Über prekäre Arbeit:
„Wir hatten hier einen Kollegen, der war Ingenieur und bei uns lange als Leiharbeiter beschäftigt. Gewohnt hat der in der Nähe in einem kleinen Gasthof, der für seine Hähnchen bekannt ist und auch Fremdenzimmer vermietet. Anderthalb Jahre lebte der da, weil er aus einer anderen Stadt kam. Als ich mal mit meinem Sohn über Politik und Engagement diskutierte, habe ich gesagt: Ein Studium ist heute keine Garantie mehr für eine Festeinstellung. Das kann mittlerweile jeden treffen. Deshalb müssen die Älteren und Festangestellten sich dafür einsetzen, dass das nicht auch ihrem Kollegen oder Kind passiert. Oder?“

Über Gewerkschaft:
„Die Arbeitswelt hat sich ja total verändert. Es gibt immer weniger Werker, die noch wirklich mit ihren Händen arbeiten. Das Verhältnis zwischen Werkern und Büroleuten hat sich bei uns mehr als umgekehrt. Die Mehrheit sitzt heute am Computer, so wie ich. Und denen muss man sagen: Früher ist der Blaumann für Dich vors Werkstor gezogen und hat für dich gekämpft und sich eingesetzt. Das musst du jetzt selber machen. Eine Lohnerhöhung für alle, wie nach Tarifverhandlungen, gibt dir das Unternehmen freiwillig nicht. Auch wenn die Gewinne noch so hoch wären. Gerade in der Globalisierung ist eine starke Gewerkschaft mit vielen Mitgliedern wichtig für jeden Arbeitnehmer. Ich sage den Kollegen: Solange bei Euch kein Headhunter anruft, müsst und gehört ihr in die Gewerkschaft.“

Fotos: Stephen Petrat.

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