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„Bei Gefahr in Verzug werde ich auch schon mal aus dem Bett geklingelt.“

„Bei Gefahr in Verzug werde ich auch schon mal aus dem Bett geklingelt.“

Harry Kemfert
57 Jahre alt, gelernter Energieanlagenelektriker, arbeitet als Elektromonteur bei Actemium in Holzgerlingen.

Über seine Arbeit:
„Wir machen alles, von der Steckdose bis zum Kraftwerk. Das Unternehmen ist aus der AEG entstanden, heute gehören wir zur Vinci-Energies-Gruppe. Ich arbeite das ganze Jahr in den Gartenanlagen rund um den Schlossplatz in Stuttgart. Hier bin ich für die komplette Elektrik zuständig. Ich kümmere mich um die Beleuchtung und die Schaltanlagen, im Herbst baue ich die Pumpen der Brunnen aus, im Frühjahr baue ich sie wieder ein. Jeden Montagmorgen mache ich erst mal Kontrolle und schaue nach zerstörten Leuchten. Am Wochenende sind viele Chaoten unterwegs, letztens haben sie an einem Wochenende sechs Lampen zerschlagen. So etwas muss ich sofort reparieren. Ist ja klar: Sobald hier eine elektrische Leitung offen liegt, sind Menschenleben in Gefahr. Wenn Gefahr im Verzug ist, werde ich auch schon mal aus dem Bett geklingelt. Ansonsten kann ich mir die Arbeit frei einteilen. Meine Werkstatt habe ich im Keller des Schlosses. Den Keller teile ich mir mit der Hundestaffel der Polizei. Wenn die einen Einsatz haben, bringen die ihre Hunde da in Käfigen unter. Ich arbeite gerne hier auf dem Schlossplatz, das ist topp. Schaut Euch um (breitet die Arme aus): Kann man es sich besser vorstellen?“

Über sein Berufsleben:
„In diesem Jahr habe ich 40-jähriges Jubiläum. Ich bin viel herumgekommen in der Zeit. Damals hieß es: Ihr seid Monteure, ihr könnt überall eingesetzt werden. Das wollte ich immer machen. Ich war im Norden und im Süden und habe auch schon in Atomkraftwerken gearbeitet. Das hier ist mein Traumberuf. Ich wollte Elektriker werden, und ich bin’s geworden. Das habe ich nie bereut. Und damals musste ich noch keine 100 Bewerbungen schreiben, drei reichten.“

Wie sich die Arbeit verändert hat:
„Früher hast du gesagt bekommen: Mach das und das. Heute ist das völlig anders. Viele Arbeiten, die früher im Büro erledigt wurden, machen wir heute selbst. Ich muss mein Material selbst bestellen, ich mache zum Teil selbst die Akquise und übernehme sogar das Controlling von eigenen Projekten. Dieser Trend fing an mit der Einführung von SAP und der elektronischen Datenerfassung. Heute hat jeder einen Laptop und ein Handy, und ich glaube, die Entwicklung wird noch weitergehen. Das muss nicht das Schlechteste sein, auf die Art bleibt man flexibel. Es gibt aber auch Grenzen. Irgendwann wollten sie, dass ich auch die Rechnungen noch selber schreibe. Da war es mir dann echt zu viel.“

Über die IG Metall:
„Am ersten Tag meiner Lehre kamen zwei Leute im Anzug zu mir, die waren vom Betriebsrat und hatten einen Aufnahmeantrag dabei. Ich bin sofort eingetreten, da gab es nichts zu überlegen. Wenn es keine IG Metall gäbe, hätten wir keine Tarifverträge, weniger Urlaub, keinen Rechtsbeistand. Oder bei Entlassungen, wenn es dann um Abfindungen geht – ohne IG Metall stündest du da im Regen. Mir ist es wichtig, einen starken Partner im Rücken zu haben.“

Fotos: Stephen Petrat.

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